Sexualpädagogik mit Migrantinnen – eine interkulturelle Herausforderung


Sexualpädagogik mit Migrantinnen – eine interkulturelle Herausforderung

Die Berner Gesundheit bietet unter anderem sexualpädagogische Gespräche mit Migrantinnen an, die erst seit Kurzem in der Schweiz leben.

Interessierte Lehrpersonen können mit der Berner Gesundheit Kontakt aufnehmen und ihre Klasse anmelden. Die Gruppengespräche für junge Migrantinnen und Migranten finden im Alter von 15 bis 22 Jahren auf freiwilliger Basis in geschlechtergetrennten Gruppen und ohne Beisein der Lehrkraft statt. Dieser Artikel bezieht sich auf Gespräche mit jungen Migrantinnen, die erst kürzlich in die Schweiz gekommen sind.

Viele dieser Jugendlichen wurden aufgrund der politischen Lage ihres Herkunftslandes zur Flucht gezwungen, weisen eine bewegende, belastende und oft traumatisierende Lebensgeschichte auf und leben teilweise ohne ihre Familienangehörigen in der Schweiz. Nicht selten werden die jungen Frauen mit einer sexuellen Kultur konfrontiert, die ihnen in der Regel völlig fremd ist. Die Themen rund um Liebe, Beziehung und Sexualität werden in ihren Familien und in den Schulen ihres Herkunftslandes häufig tabuisiert.

Wir bemühen uns, in diesen Gruppengesprächen eine einfache Sprache anzuwenden und Verständigungsfragen sofort zu klären. Oft helfen Bilder, kurze Filme oder anderweitige visuelle Materialien, ein Thema besser zu veranschaulichen.

Um Vertrauen zu schaffen, betonen wir unsere Schweigepflicht. Ebenso wichtig ist, dass sich die Jugendlichen freiwillig äussern und bestimmen können, welche Themen sie besprechen möchten.

Viele junge Frauen berichten sehr offen über ihre Erfahrungen und Erlebnisse in ihrem Herkunftsland. Einige sind nicht über die Menstruation informiert worden, haben eines Tages zu bluten begonnen und grosse Ängste um ihre Gesundheit entwickelt. Einige konnten sich einer Schwester anvertrauen, sich jedoch selten mit Eltern über sexuelle Thematiken austauschen. Für viele junge Frauen scheint es selbstverständlich, dass die Männer in ihren Familien mehr Freiheiten und Bestimmungsrechte erhalten, als sie selbst. In der Diskussion zu Unterschieden in ihrem Land und der Schweiz zeigen sich junge Migrantinnen immer wieder überrascht über den offenen Zärtlichkeitsaustausch zwischen Menschen in der Schweiz, die Kleidung, oder dass Frauen sich alleine in der Öffentlichkeit bewegen und minderjährige Schweizerkolleginnen bereits bei ihren Freunden übernachten dürfen. Was sich von der Arbeit mit jungen Schweizerinnen ebenfalls unterscheidet, ist der Schwerpunkt der Themen. Bei Migrantinnen spreche ich vermehrt über Frauen- und Männerbilder, das Hymen, Homosexualität, Enthaltung vor der Ehe, Zwangsheirat und manchmal auch über die weibliche Beschneidung. Eine besondere Herausforderung sind Aussagen wie: „In der Schweiz darf man alles“, „Es gibt keine Araber, die homosexuell sind“, „Warum ist Sex immer schmerzhaft?“

Mir ist es besonders wichtig, den Jugendlichen ihre Rechte und die Kultur in der Schweiz aufzuzeigen und gleichzeitig ihre Haltungen zu respektieren und diese nicht zu verletzen. Der Umgang mit schambesetzen Themen und die Berücksichtigung möglicher sexueller Traumatisierungen der jungen Frauen erfordert Sensibilität und methodische Kompetenz. So können sich die jungen Frauen beispielsweise zurückziehen und in Zweiergruppen diskutieren. Hilfreich kann auch wirken, den Raum zu verlassen, damit sie etwas unter sich besprechen oder entscheiden können.

Wenn ich zum Abschluss eine Rückmeldung bei den Migrantinnen einhole, stellen sie oft mit Freude fest, dass sie untereinander zum ersten Mal über sexualitätsbezogene Themen geredet haben und zeigen sich sehr dankbar für die erhaltenen Informationen. Ich sehe es als eine wesentliche Aufgabe, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich möglichst alle Beteiligten aus freien Stücken äussern und Fragen stellen können, Antworten erhalten und sich in ihrem kulturellen Hintergrund ernst genommen fühlen. Gleichzeitig möchte ich die Frauen ermutigen, sich bei Fragestellungen zu Liebe, Beziehung und Sexualität gegenseitig auszutauschen oder sich Unterstützung bei Vertrauenspersonen, angebotenen Internetseiten, Broschüren oder Fachstellen zu holen.

Manchmal frage ich mich nach der Verabschiedung: „Was geht in diesen Frauen vor, wenn sie nach einem sexualpädagogischen Gruppengespräch den Raum verlassen? Hat das neu gewonnene Wissen einen Einfluss auf ihr Denken oder gar auf ihre weitere Zukunft?“ Ich hoffe, unsere Arbeit bringt die Frauen weiter, auf ihrem Weg, ihre Sexualität selbstbestimmt zu leben.

Berner Gesundheit

Die Stiftung Berner Gesundheit engagiert sich für eine wirkungsvolle Gesundheitsförderung im Kanton Bern. Fachleute planen und realisieren Informations-, Schulungs-, Beratungs- und Therapieangebote. Die Kernaufgaben sind Suchtberatung, Prävention und Gesundheitsförderung sowie Sexualpädagogik. Die Dienstleistungen werden im Auftrag der kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektion erbracht. Politisch und konfessionell ist die Stelle unabhängig.

www.bernergesundheit.ch

”Für viele junge Frauen ist dieser Spagat zwischen ihrer sexuellen Biografie und der neuen Freiheit mit all ihren Rechten bei uns eine grosse Herausforderung. Oft bringt dies auch viel Leid mit sich, nicht nur Befreiung und Selbstbestimmung. Aus ihrer eigenen Kultur auszubrechen, bedeutet auch, sich von ihrer Heimat zu verabschieden.
In Vorarlberg kennen wir diese Thematik von jungen türkischen Mädchen sehr gut. Zwischen zwei Welten leben zu müssen, ist meist sehr schwierig, erst recht, wenn es die Sexualität betrifft.”
Kriemhild Nachbaur, love.li
Sabina Wieland

Sabina Wieland

Dipl. Heil- und Sozialpädagogin, Sexualpädagogin (ISP Dortmund), Fachangestellte Sexuelle Gesundheit bei der Stiftung Berner Gesundheit